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Emotionale Intelligenz: Mythos oder Beziehungskompetenz?

„Er oder sie soll emotional intelligent sein.“ Kaum ein Begriff taucht in aktuellen Gesprächen über Partnerschaft so häufig auf – ob im Dschungel am Lagerfeuer oder auf Temptation Island. Und kein Begriff wird gleichzeitig so unterschiedlich verstanden. Für die einen bedeutet es Einfühlungsvermögen, für andere Konfliktfähigkeit, für wieder andere schlicht emotionale Reife. Doch was steckt wirklich dahinter? Und ist emotionale Intelligenz mehr als ein modernes Wunschlabel? Das beleuchtet Prof. Dr. Philipp Süssenbach in seinem Kommentar.

Prof. Dr. Philipp Süssenbach

In der Psychologie ist emotionale Intelligenz kein Modewort, sondern seit den 1990er-Jahren ein klar umrissenes Konstrukt*. Gemeint ist nicht bloß Sensibilität oder Nettigkeit, sondern die Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen, einzuordnen, zu regulieren und für Denken und Handeln nutzbar zu machen. Wer emotional intelligent ist, erkennt eigene Gefühle frühzeitig, versteht emotionale Signale anderer und kann auch unter Stress angemessen reagieren.

Im partnerschaftlichen Alltag zeigt sich diese Kompetenz vor allem dort, wo Beziehungen herausfordernd werden: bei Konflikten, Enttäuschungen oder unausgesprochenen Erwartungen. Die Forschung weist darauf hin, dass emotional intelligente Menschen Konflikte seltener vermeiden oder eskalieren lassen. Sie sind eher in der Lage, Gefühle zu benennen, Kritik nicht sofort als Angriff zu deuten und Verantwortung für eigene emotionale Reaktionen zu übernehmen.

Wichtig: Grenzen setzen

Ein verbreiteter Irrtum besteht darin, emotionale Intelligenz mit Harmoniebedürfnis zu verwechseln. Das Gegenteil ist der Fall. Emotional intelligente Personen können Grenzen setzen, unangenehme Themen ansprechen und auch Frustration aushalten. Sie regulieren Emotionen – sie unterdrücken sie nicht. Gerade diese Fähigkeit unterscheidet emotionale Kompetenz von bloßer Empathie oder emotionaler Nachgiebigkeit.

Ein Paradebeispiel ist zurzeit Gunnar aus der zweiten Staffel „Love is blind Germany“. Er entspricht ziemlich genau den genannten Fähigkeiten und wird deshalb im Netz gefeiert. 

Auch andere Reality-Formate wie „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ liefern (oft unfreiwillige) Anschauungsbeispiele. Dort wird emotionales Verhalten öffentlich sichtbar: impulsive Ausbrüche, Rückzug, Schuldzuweisungen oder auch überraschend reflektierte Gespräche unter Druck. Was medial oft als „Drama“ inszeniert wird, ist psychologisch betrachtet ein Lehrbuch emotionaler Selbstregulation – oder ihres Fehlens.

Wichtig ist dabei: 

Emotionale Intelligenz ist kein angeborenes Talent. Sie entwickelt sich über Erfahrungen, soziale Lernprozesse und bewusste Reflexion. Wer sie besitzt, ist nicht automatisch der bessere Mensch, aber häufig der konstruktivere Beziehungspartner. In einer Zeit, in der Partnerschaften zunehmend unter Erwartungsdruck stehen, erklärt das wahrscheinlich den Wunsch nach emotionaler Intelligenz.

*Auch, wenn sich die Wissenschaft bezüglich der Frage, was alles zu emotionaler Intelligenz zählt und wie sich dies von anderen Merkmalen wie allgemeiner Intelligenz und Persönlichkeit abgrenzt, uneinig ist

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