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Gulia Gwinn und das Ende des ästhetischen Lagerwahlkampfs

Es ist Sommer, es ist EM, und es ist wieder soweit: Die Gesellschaft diskutiert nicht über Fußball, sondern über das Reden über Fußball. Genauer: über das Reden über das Reden über Frauenfußball. Der „Focus“ echauffiert sich über die angeblich überbordende Berichterstattung zur Frauen-EM. Zu viel Gwinn, zu wenig Goretzka. Zu viel „Empowerment“, zu wenig „Ergebnis“. Und währenddessen schreibt die taz, das Zentralorgan des moralischen Hochamts, dass Frauenfußball sowieso besser sei als Männerfußball – weil weniger Kommerz, mehr Herz, weniger Fallobst, mehr Fairness. Und sowieso: Männer sind schuld. An allem. Auch an der Abseitsregel.

Was hier passiert, ist keine Sportdebatte. Es ist ein ästhetischer Lagerwahlkampf. Ein Stellvertreterkrieg, wie er in unserer Gesellschaft zur Norm geworden ist. Es geht nicht mehr um Argumente, sondern um Zugehörigkeit. Nicht um Erkenntnis, sondern um Haltung. Der eine Teil der Gesellschaft fühlt sich von Gendersternchen verfolgt, der andere von toxischer Männlichkeit. Und beide Seiten haben längst aufgehört zuzuhören. Stattdessen wird gefühlt, geframet, gefeuert. Die Kommentarspalten sind die neuen Schützengräben. Und der Fußball? Der steht dazwischen, wie ein Kind, das sich fragt, warum sich Mama und Papa schon wieder anschreien.

Dabei könnte gerade der Fußball ein Vorbild sein. Denn auf dem Platz zählt nicht, ob du woke bist oder konservativ, ob du Genderkurse gibst oder Grillabende veranstaltest. Auf dem Platz zählt, ob du den Ball behauptest. Ob du den Pass spielst. Ob du den Zweikampf gewinnst. Giulia Gwinn will nicht schön aussehen, sondern Zweikämpfe gewinnen. Auch wenn sie aktuell verletzt ist. Das ist kein Satz, das ist ein Manifest. Eine Absage an die Inszenierung, eine Liebeserklärung an die Sache. Und vielleicht der emanzipierteste Satz des Jahres.

Denn was Gwinn sagt, ist: Ich bin nicht hier, um Erwartungen zu erfüllen. Auch wenn ich verletzt bin: Ich bin hier, um zu spielen. Um zu kämpfen. Um zu gewinnen. Und das ist die eigentliche Revolution. Nicht das Gendern, nicht die Quoten, nicht die Talkshows. Sondern die Selbstverständlichkeit, mit der eine Frau sagt: Ich bin nicht Dekoration. Ich bin Aktion. Ich bin nicht das schöne Beiwerk. Ich bin das Zentrum.

Und genau das fehlt unserer Gesellschaft. Diese Klarheit. Diese Konzentration auf das Wesentliche. Stattdessen verlieren wir uns in Symboldebatten, in Empörungsritualen, in moralischen Schönheitswettbewerben. Wir diskutieren nicht mehr, wir performen. Wir hören nicht mehr zu, wir senden. Und wir verwechseln Haltung mit Hybris.

Dabei könnten wir so viel lernen – vom Fußball. Von der Vielfalt der Spielertypen. Vom Zusammenspiel der Unterschiedlichen. Vom Respekt vor dem Gegner. Vom gemeinsamen Ziel. Joshua Kimmich und Giulia Gwinn – das sind keine Gegensätze. Das sind Ergänzungen. Zwei Seiten derselben Medaille. Technik und Biss. Übersicht und Leidenschaft. Präzision und Mut. Qualität ist nicht das normativ-nivellierende Mittelmaß, das uns in Talkshows, in der deutschen Gegenwartsliteratur und Parteiprogrammen entgegengähnt. Qualität ist die Addition von Vielfalt. Die Summe der Unterschiede. Die Kunst, gemeinsam mehr zu sein als die Summe der Einzelteile. Qualität ist Frau und Mann. Und vor allem: Den Zweikampf annehmen statt in Larmoyanz zu verfallen.

„All together now“ – das ist nicht nur ein Beatles-Song. Es ist ein Prinzip. Ein Versprechen. Eine Utopie. Zwischen Mann und Frau in den Ehen. Auch zwischen Stadt und Land. Zwischen Frauke Brosius-Gersdorf und Herwig Gössl. Und zwischen Kreuzberger Kulturschaffenden und Wolfram Weiner. Auch zwischen Jette Nietzard und Winfried Kretschmann. Und zwischen Focus und taz. Wir müssen nicht einer Meinung sein. Aber wir müssen aufhören, uns gegenseitig die Existenzberechtigung abzusprechen. Wir müssen wieder lernen, dass der andere nicht automatisch der Feind ist. Sondern vielleicht einfach nur: anders.

Und vielleicht beginnt diese neue Kultur des Miteinanders nicht in den Parlamenten, nicht auf den Bühnen, nicht in den Redaktionen, nicht in den Kommentarspalten. Sondern auf dem Platz. Wenn Ann-Katrin Berger den Ball hält. Wenn Janina Minge den Zweikampf sucht. Wenn Joshua Kimmich den Zweikampf gewinnt. Und wenn Nick Woltemade den Ball im Tor versenkt. Wenn wir alle – endlich – wieder anfangen, miteinander zu spielen. Nicht gegeneinander. Nicht übereinander. Sondern: miteinander. All together now. Und dann spüren, dass wir vielleicht kämpfen müssen. Aber am Ende Weltklasse sein können. Nicht Mittelmaß. Danke für dieses Lehrstück, liebes DFB-Team. Und liebe Vertreter aus Politik, Kultur, Gesellschaft: Hinschauen! Wir haben nämlich als Demokratie den ästhetischen Lagerwahlkampf satt. Genauso, wie unser gesellschaftliches Mittelmaß.

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