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| Hochschulnews

Transfergerüchte rund um Nick Woltemade – das Methadon der fußballfreien Zeit

Am Dienstag schließt sich in der Fußball-Bundesliga das Transferfenster. Am so genannten Deadline-Day geht es noch einmal hoch her, denn es ist die letzte Möglichkeit, noch Spieler zu (ver)kaufen und die eigene Mannschaft zu ergänzen oder zu verschlanken. Momentan läuft also die heiße Phase - und ein Transfer ist in aller Munde: Nick Woltemade wechselt für knapp 90 Millionen Euro nach England. Prof. Dr. Marcus Bölz lehrt an der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) in den Medien- & Kommunikationsstudiengängen und ist Leiter des Instituts für Sportkommunikation (IfS). Im Kommentar ordnet er die jüngsten Ereignisse ein.

"Endlich ist die Sommerpause vorbei. Für den gemeinen Fußballfan ist die Sommerpause ein kalter Entzug. Kein Flankenlauf, kein Abseitsgebrüll, kein „Schiri, du Pfeife!“ – nur Grillwurst, Bier und das dumpfe Gefühl, dass etwas fehlt. Und genau hier schlägt die Stunde der Transfergerüchte. In diesem Sommer ging es dabei vor allem um einen: Jungnationalspieler Nick Woltemade, bekannt unter seinem Spitznamen „Big Nick“.

Der VfB Stuttgart hat dem FC Bayern dabei die lange Nase gezeigt – und zwar mit der Eleganz eines schwäbischen Fechtmeisters, der dem bajuwarischen Muskelspiel eine feine Finte entgegensetzt. Nick Woltemade, vor einem Jahr gratis aus Bremen geholt, wurde nicht etwa für die von Bayern gebotenen 60 Millionen Euro verscherbelt, sondern (addiert mit den Nebengeräuschen) für satte 90 Millionen an Newcastle United verkauft. Das sind 30 Millionen mehr als die Münchner je auf den Tisch legen wollten – und mehr als 20 Millionen mehr als der gesamte Preisgeldtopf der Tour de France 2025, bei der sich 184 Radfahrer über 21 Etappen kollektiv abstrampeln, um am Ende 2,57 Millionen Euro untereinander aufzuteilen. Der VfB hat also mit einem einzigen Transfer mehr verdient als Pogacar, Vingegaard und die halbe Alpenkette zusammen. Und während die Bundesregierung im Schatten der Sommerhitze an Sozialreformen bastelte, die kaum jemand zur Kenntnis nahm, wurde über Woltemade mehr geschrieben, getwittert und gestöhnt als über Rentenpunkte, Bürgergeld oder Pflegeversicherung. So viel zur öffentlichen Relevanz. Der deutsche Journalismus hat sich in diesem Sommer in die Transferposse verliebt wie ein Teenager in sein erstes Festivalbändchen.

Was dem Junkie der kalte Schweiß, ist dem Fan das Transferkarussell. Es dreht sich, rattert, quietscht – und produziert täglich neue Namen, neue Summen, neue „Breaking News“. Der Sportjournalismus, sonst oft träge wie ein Regionalliga-Keeper beim Elfmeter, läuft plötzlich zur Hochform auf. Jeder Flieger, der in München landet, wird zur potenziellen Sensation. Jeder Instagram-Like eines Spielers bei einem fremden Verein: ein Indiz, ein Zeichen, ein Orakel.

Oft ist das alles inhaltlich so nahrhaft wie ein Toast ohne Belag. Aber darum geht es nicht. Es geht um Ersatzbefriedigung. Um Methadon für Fußballabhängige. Die tägliche Dosis Hoffnung, Spekulation und Illusion. Der neue Stürmer aus Uruguay? Noch nie gesehen, aber „bringt alles mit“. Der ablösefreie Innenverteidiger? „Ein echter Coup“. Und wenn’s nicht klappt? Dann war’s halt „nur ein Gerücht“.

Der Sportjournalismus weiß das. Und er nutzt es. Transfergerüchte sind billig zu produzieren, klickstark und emotional aufgeladen. Sie sind das perfekte Produkt für eine Zielgruppe, die lieber träumt als denkt. Statt Analyse gibt’s Andeutung, statt Fakten Fantasie. Und wehe, man fragt nach Substanz – dann wird auf „gut informierte Kreise“ verwiesen, die vermutlich aus dem eigenen Redaktionsflur stammen.

So wird aus Journalismus ein Theaterstück. Die Bühne: das Internet. Die Darsteller: Spielerberater, Boulevardportale und gelangweilte Redakteure. Das Publikum? Klatscht begeistert – und klickt auf „Aktualisieren“, in der Hoffnung, dass heute endlich der große Transfer verkündet wird. Oder wenigstens ein neues Gerücht. Ein paar Tage ist das Transferfenster noch geöffnet und der Transferjournalismus – das gibt es tatsächlich – steuert in den dementsprechenden Sendungen jetzt seinem Zenit entgegen. Und gönnen Pletti ab Mitte kommender Woche endlich mal Urlaub. Genauso wie Jannek Ringen, der gestern bei uns während seines Volontariates bei transfermarkt.de ganz seriös und auf hohem Niveau seinen Bachelor gemacht hat. Wir sehen: Valide Wissenschaftlichkeit und Transferjournalismus gehen auch im Doppelpack! Und zwar auch Faktenorientiert, mit Tiefe und Substanz. So wechselte gestern zeitgleich im Transferkarrusell Woltemade von Stuttgart nach Newcastle – und Ringen in der Reflexion über Transferjournalismus von der FHM fest zu transfermarkt.de. Ich als prüfender Erstbetreuer und wir als Hochschule insgesamt bekommen dafür leider keine 90 Millionen Euro. Schade eigentlich!"

Prof. Dr. Marcus Bölz

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