Wenn Noten Kinder prägen: Warum Zeugnisse auch die Soziale Arbeit etwas angehen
In den nächsten Wochen bekommen wieder viele Kinder ihre Zwischenzeugnisse. Rund um dieses Thema wird zunehmend diskutiert, wie Leistungsbewertung, Kinderrechte und der Schutz des Kindeswohls miteinander in Einklang gebracht werden können. Welche Rolle dabei insbesondere die Soziale Arbeit – etwa in Schulsozialarbeit und Beratung – einnimmt, beleuchtet der folgende Kommentar. Prof. Dr. Marlies Kroetsch ist Professorin für Sozialpädagogik und Expertin für Kinderschutz an der Fachhochschule des Mittelstands (FHM). Sie ist die wissenschaftliche Leitung der Studiengänge B.A. Sozialpädagogik & Management und M.A. Soziale Arbeit – Professioneller Kinder- und Jugendschutz.
Prof. Dr. Marlies Kroetsch
„Schulische Zeugnisse sind weit mehr als administrative Dokumente. Sie markieren sensible Übergangspunkte im schulischen Alltag und haben Auswirkungen auf das Erleben und den Selbstwert von Kindern. Eine Ziffer auf dem Papier kann ermutigen, aber ebenso entmutigen. Sie kann Perspektiven eröffnen oder sie verengen. Wer Zeugnisse nur als neutrale Leistungsrückmeldung versteht, verkennt ihre Wirkung auf Identität, Motivation und Bildungsbiografien.
Gerade hier beginnt die Verantwortung der Sozialen Arbeit:
Zeugnisse machen sichtbar, wo Kinder unter Druck geraten oder wo schulische Anforderungen an individuelle Grenzen stoßen. In der Schulsozialarbeit zeigen sich diese Spannungen oft zuerst, denn sie agiert an der Schnittstelle von Schule, Familie und Kind. Damit wird sie relevant, wenn ein Zeugnis nicht nur Enttäuschung auslöst, sondern Verunsicherung, Rückzug oder offene Krisen.
Auch in der Sozialen Arbeit sind Zeugnisse daher ein zentrales Beobachtungs- und Interventionsfeld. Sie werden zum Anlass für Gespräche über Leistungsdruck, Zukunftsängste und Vergleiche. Die sozialarbeiterische Beratung von Kindern, Jugendlichen und Eltern kann hier ordnend und entlastend wirken: Bewertungen einordnen, Stärken sichtbar machen, Entwicklungswege aufzeigen.
Gleichzeitig sind Fachkräfte gefordert, strukturelle Fragen mitzudenken: Wie gerecht ist ein System, das früh selektiert? Wie viel Orientierung am Kindswohl braucht es in einem Bildungssystem, das auf Vergleich und Auslese basiert?
Zeugnisse verweisen damit auf eine unbequeme Kernfrage: Wie kann Schutz gelingen, ohne Leistung auszublenden? Wie können Kinder in einem selektiven System gestärkt werden? Für die Soziale Arbeit ist die Antwort klar: Sie versteht sich als Anwältin der Kinderrechte und als gestaltende, kindeswohlorientierte Kraft im Bildungssystem. Nicht gegen Leistung, aber für Schutz, Würde und Entwicklung. Wer hier eingreift, interveniert nicht gegen Schule, sondern für Kinder.“
Prof. Dr. Marlies Kroetsch
Professorin für Sozialpädagogik und Expertin für Kinderschutz
an der Fachhochschule des Mittelstands (FHM)