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| Hochschulnews

Wie ist es um die Inklusion in Deutschland bestellt?

Am 3. Dezember ist der „Internationale Tag der Menschen mit Behinderung“ Prof. Dr. René Börrnert, Professor für Soziale Arbeit und Sozialpädagogik sowie Wissenschaftlicher Studiengangsleiter des B. A. Heilpädagogik und inklusive Bildung“ hat zu diesem Anlass den Stand der Inklusion in Deutschland eingeordnet.

 

Herr Prof. Dr. Börrnert, wie weit sind wir auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft bzw. was fehlt noch?

"Inklusion ist die große Idee des gemeinschaftlichen Zusammenlebens aller Menschen: Jede*r hat die gleichen Rechte bei aller individuellen Verschiedenheit. Doch der Weg zur praktischen Umsetzung dieses Ziels hat viele Umwege. Es gibt noch viele Baustellen. Wir haben schon einige Stationen erreicht, doch wir sind noch lange nicht angekommen. Zu den erreichten Zwischenschritten gehört die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2009 und dem Behindertengleichstellungsgesetz (BGG). Das sind wichtige rechtliche Rahmenbedingungen, die eine gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen gewährleisten sollen. Es gibt auch ein gestiegenes gesellschaftliches Bewusstsein für den inklusiven Ansatz und viele kleine Initiativen und Projekte und eine gewisse Zustimmung für diese Idee. 

Trotz dieser Fortschritte gibt es grundlegende Defizite, insbesondere im Bildungsbereich. Es mangelt an einer konsequenten Umsetzung der oben genannten Gesetze, die das Recht auf ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen festschreibt. Der Mangel bezieht sich auf notwendige Strukturen, personelle und finanzielle Ressourcen sowie eine bundesweite, koordinierte Planung. Die Lehrerausbildung ist oft nicht ausreichend auf individualisiertes Lernen und Inklusion ausgerichtet. Zurzeit formatieren auch wir an der FHM klassische Modelle des Lehrerberufs neu. 

Der Weg zu einer inklusiven Gesellschaft in Deutschland ist ein andauernder Prozess, bei dem die gesetzlichen Grundlagen geschaffen, aber die tatsächliche Umsetzung in der Praxis, insbesondere in der Bildung und der Beseitigung von Barrieren, erkennbar hinter den Wünschen, Vorgaben und Anforderungen zurückbleibt."

Was muss sich in Kitas/Schulen, Politik und Köpfen ändern, damit Menschen mit Behinderung selbstverständlich dazugehören?

"Hierzu sind tiefgreifende Veränderungen auf struktureller, politischer und gesellschaftlicher Ebene erforderlich. Zentral ist ein Wandel von einem selektiven zu einem wirklich inklusiven System in allen Bereichen. Dazu kommt die Auflösung von starren Strukturen, wie dem traditionellen Klassenraum und überholten  Lehrplänen. Auch die Übergangsprozesse zwischen Kita, Schule, Berufsschule bzw. Studium und Arbeit müssen flexibler werden. 

Hierbei ist die Politik gefordert, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen und die UN-Behindertenrechtskonvention konsequent umzusetzen und in diesem Bereich zu investieren.  

Das Bildungssystem spielt eine Schlüsselrolle, weil hier die Grundlagen für ein inklusives Miteinander gelegt werden. Die Zusammensetzung der Teams muss sich ändern. Es braucht eine engere Zusammenarbeit von Regelschullehrkräften, Sozialen Pädagog:innen im weitesten Sinne und Fachkräften wie Therapeuten, die alle Kinder gemeinsam unterstützen. Die Aus- und Weiterbildung dieser Fachkräfte muss individualisiertes Lernen, differenzierte Pädagogik und den Umgang mit Vielfalt in den Fokus rücken. An erster Stelle steht jedoch die Formatierung einer inklusiven Haltung mit dem Anspruch: Ich will bzw. wir wollen das. Dazu gehören ein interdisziplinärer Wissenskorpus und genauso umfassende methodische Kompetenz. In unseren sozialpädagogischen Studiengängen bilden wir mit diesem Anspruch aus."

Ist Inklusion eine pädagogische Aufgabe oder eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe?

"Inklusion ist sowohl eine pädagogische Aufgabe als auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.  Beides bedingt sich gegenseitig und kann nicht voneinander getrennt betrachtet werden. Mit anderen Worten: Werte, die als unsere gemeinsamen Normen gelten, werden im gemeinsamen Miteinander verhandelt. Das beginnt in kleinen Gruppen und sollte im großen Zusammenhang bestätigt werden. Dass wir jedem Menschen das gleiche Recht auf Teilhabe zugestehen, sollte zu diesen Grundnormen gehören. Doch hier zeigt sich eines der Probleme: Noch immer werden überholte Normideale vermittelt. Wer da nicht mithalten kann, ist raus. Nach wie vor existieren Stereotype und Vorurteile.  

Daran haben auch die zahllosen Aufklärungen in den verschiedenen Medienformaten noch keinen Wandel bewirkt. Wir kennen Filmklassiker wie „Forest Gump“ oder „Ziemlich beste Freunde“, um nur bei unserem Thema zu bleiben – aber wir übertragen den ethischen Plot nicht auf unser gesellschaftliches Bewusstsein. Es fehlt hier ein "Wir-Gefühl". Damit meine ich, unsere Gesellschaft muss erkennen, dass Inklusion alle betrifft und ein Gewinn für die gesamte Gemeinschaft ist. Inklusion bezieht sich nicht auf Menschen mit Behinderungen. Insofern: Eine inklusive Pädagogik kann nur das Potenzial begründen und festigen, was gesellschaftlich bestätigt und gelebt wird. Hier haben wir noch einen weiten Weg vor uns." 

 

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